Thema

Realities -- Realités -- Realitäten

Zeit und Ort

Vom 2. bis 5. April 2020 

Austria Center Vienna

Bruno-Kreisky-Platz 1 -- A-1220 Wien

 

Argument

Mit großer Freude laden wir Sie herzlich zur 33. Konferenz der EPF ein, die vom 2.-5. April 2020 in Wien stattfinden wird, und wo wir von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) und dem Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse (WAP) empfangen werden.

Für unsere Konferenz haben wir den Titel ‚Realitäten‘ gewählt, weil unsere gegenwärtige Zeit mit ihren neuen technologischen Errungenschaften die jahrtausendealte Frage nach dem Wesen des Seins und der Wirklichkeit verändert und intensiviert hat. Als Psychoanalytiker beschäftigen wir uns vorwiegend mit der psychischen Realität, einem Konzept folgend, das Freud bereits 1895[i] mit seiner Unterscheidung von „Denkrealität“ und „externer Realität“ zu entwickeln begonnen hatte und ihn formulieren ließ: „Das Denken mit Besetzung der Denkrealitätszeichen oder Sprachzeichen ist also die höchste, sicherste Form des erkennenden Denkvorganges.“

Die antike und mittelalterliche Philosophie stimmte in der Auffassung überein, dass das Sein vom Geist nicht geschaffen, sondern vom Menschen vorgefunden wird. Aber schon Protagoras formulierte eine frühe Frage nach dem Objekt und Subjekt der Realität mit seinem Satz, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, „des Seienden, wie es ist, und des Nicht-Seienden, wie es nicht ist.“ Als problematisch wurde dabei die Zuverlässigkeit der sinnlichen Erkenntnis angesehen: man denke an das berühmte Höhlengleichnis Platons, demzufolge die Menschen ihre umgebende physikalische Welt nur als Schatten wahrnehmen. Für Platon stellten ausschließlich die geistigen Ideen das Wirkliche der Welt dar. Aristoteles hingegen rehabilitierte die Sinneswahrnehmung, denn ihm zufolge liefere sie der Seele immer die Erkenntnis einer Form, die wahr ist – entscheidend werden dann die subjektiven Urteile und sinnlichen Vorstellungen, „Phantasmen“, welche auch zu Irrtümern führen können. Über den in der Scholastik eskalierenden Universalienstreit zwischen realistischer und nominalistischer Auffassung führt ein Weg zum Skeptizimus Descartes, oder auch Lockes und Humes, schließlich zur subjektivistisch-phänomenalistischen Erkenntnislehre Kants, der sich auch Freud verpflichtet fühlte, wenn er 1915 schrieb: „Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, als die seelischen Vorgänge für an sich unbewußt zu erklären und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit der Wahrnehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu vergleichen. Die psychoanalytische Annahme der unbewußten Seelentätigkeit erscheint uns einerseits als eine weitere Fortbildung des primitiven Animismus, der uns überall Ebenbilder unseres Bewußtseins vorspiegelte, und anderseits als die Fortsetzung der Korrektur, die Kant an unserer Auffassung der äußeren Wahrnehmung vorgenommen hat. Wie Kant uns gewarnt hat, die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung nicht zu übersehen und unsere Wahrnehmung nicht für identisch mit dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu halten, so mahnt die Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an die Stelle des unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, welcher ihr Objekt ist. Wie das Physische, so braucht auch das Psychische nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns erscheint“.

So wie bei Freud das Objekt bewusster und unbewusster mentaler Vorgänge nicht die Welt selbst ist, sondern eine mentale Vorstellung davon, sei es der inneren oder der äußeren Welt (vgl. Cavell 1997), so hat sich auch das Realitätsverständnis in der modernen Physik gewandelt. Beispielsweise wies Heisenberg (1945) darauf hin, dass der Naturforscher eine „tiefgehende Veränderung in der Struktur der ganzen Wirklichkeit“ vorfinde, wobei Wirklichkeit die Gesamtheit aller Zusammenhänge zwischen dem formenden Bewusstsein und der Welt als seinem objektivierbaren Inhalt bezeichne. 1930 erklärte er, dass die moderne Atomphysik nicht vom Wesen und Bau der Atome handele, sondern von den Vorgängen, die wir beim Beobachten des Atoms wahrnehmen. Das Gewicht liege stets auf dem Begriff ‚Beobachtungsprozess‘: „Der Beobachtungsprozess kann dabei nicht mehr einfach objektiviert, sein Resultat nicht unmittelbar zum realen Gegenstand gemacht werden (zitiert nach Schulz 1972)“.

Unser zeitgenössisches psychoanalytisches Denken steht in Übereinstimmung mit diesem Prozessgedanken. Freud nahm noch eine internalistische Perspektive aus der Sicht der Ersten Person („ich bin, ich fühle, ich denke“) ein und stand vor dem Problem, wie der vom Lustprinzip und den Trieben gesteuerte Apparat auch noch an die Realität angepasst sein kann. Er glaubte, die Antwort in einer Verbindung aus Rationalismus und Empirismus zu finden. Heute folgen wir mehr der ‚Perspektive des Interpreten oder der ‚Dritten Person‘ im Sinne Cavells und insofern einer externalistischen Ansicht. Diese Sichtweise aus der Dritten Person ist öffentlicher, sie verbindet das Individuum über die Erfahrung der Sprachspiele (Wittgenstein 1958) und des Verhaltens mit der Welt der anderen Sprecher. In den Interaktionen eines Kindes mit seinen Eltern kann die Entwicklung der Sprache und der damit verbundenen Bedeutung der Welt nicht vom interaktiven Handeln getrennt werden, und dabei werden sowohl nicht-symbolische als auch symbolische Ebenen der seelischen Realität in Verbindung mit den zugehörigen Affekten ausgebildet. Bedeutung und Wirklichkeit der Welt werden über eine affektiv getönte und öffentlich geteilte Sprache vermittelt, welche zugleich Raum lässt für das Entstehen eigener Phantasien im Kind, mit denen es wiederum auf seine Umwelt einwirken kann. So entsteht eine dialektische Wirklichkeit.

Die psychoanalytische Methode folgt ebenfalls einem Prozessmodell und nutzt die interaktionelle Verständigung aus der Perspektive der Dritten Person, um ein Gefühl von mentaler und affektiver Wirklichkeit bei allen Beteiligten, vor allem jedoch beim Patienten, zu ermöglichen. Zu dieser Wirklichkeit gehören Phantasie und Imagination. Zur Perspektive der Dritten Person lassen sich so grundlegende psychoanalytische Konzepte zählen wie Bions träumerisches Verständnis von Realität unter Nutzung der mütterlichen Rêverie, oder die Mentalisierungstheorie nach Fonagy, Target et al., welche das Spielen mit den Realitätsmodi Äquivalenz und Als-Ob hervorhebt. Und Laplanche zufolge entsteht die infantile Sexualität im Zusammentreffen mit der Alterität der erwachsenen Sexualität. Der gemeinsame Bezugspunkt aller Konzepte findet sich im oben erwähnten Konzept der psychischen Realität, bei der laut Britton (2001) der Glaube eine zentrale Bedeutung gewinnt, denn ihm zufolge verleihen Glauben und Fürwahrhalten psychischen Vorgängen die Macht der Realität, ähnlich wie physikalische Vorgänge sie durch die menschliche Wahrnehmung erhalten. Dass das Realitätsgefühl von aktiven seelischen Prozessen bestimmt wird und in sehr gegensätzliche Richtungen geführt werden kann, zeigt sich klinisch – ähnlich wie bei künstlerischen Produktionen in Literatur oder Film – darin, dass die präsentierte und geglaubte, in Phantasien ausgedrückte Realität emotionale Lebendigkeit entweder näher bringt oder aber von ihr wegführt.   

Angesichts der technologischen Entwicklung haben sich unsere Erfahrungs-möglichkeiten vervielfältigt, aber zugleich sind Unsicherheit und Skepsis gegenüber der Echtheit innerer und äußerer Wirklichkeit gewachsen. Das Erstarken der virtuellen Welt hat die Dialektik zwischen Innen und Außen intensiviert und im inneren Erleben eine Spannung zwischen eigener Phantasie und virtueller Präsenz geschaffen. So ist heute für viele Kinder und Jugendliche die Anzahl ihrer virtuellen „Follower“ bedeutsamer als ihre Begegnung mit leibhaften Freunden. Gehören diese virtuellen „Freunde“ zur materiellen Außenwelt oder zählen sie zum Bereich üblicher innerer Phantasien, oder repräsentieren sie eine neue Form von innerer Realität? Neben die konventionelle Erfahrung von Raum und Zeit tritt für nicht wenige Menschen das Leben in einem virtuellen, aber quasi realen Second Life. Neben das körperlich verfasste Ich treten viele virtuell-reale Ichs. Sind diese heutigen Phänomene vergleichbar mit Winnicotts Übergangsphänomenen und Möglichkeitsraum, oder ersticken sie letztlich die Herausbildung einer kreativen Phantasie? Wie steht es um das Verhältnis von Fiktion, Phantasie und Wirklichkeit? Bereits Walter Benjamin hatte sich 1935 mit der Veränderung der Kunst durch die Entwicklung von reproduzierbarer Photographie und Film beschäftigt. Stehen wir heute nicht nur vor einer weiteren Veränderung der Ästhetik, sondern vor einer Verschärfung manipulativer Möglichkeiten zur Verzerrung der Wirklichkeit? Welche sind die ‚wirklichen‘ Fake-news: diejenigen, welche unbequeme Realitäten benennen, oder nicht doch diejenigen, welche die unbequemen Realitäten mit falschen Bildern leugnen wollen? Was bedeutet der zunehmende Einsatz von Robotern als Ersatz für Menschen oder menschliche Körperteile für unser Realitätsgefühl? Sind sie Teile von uns oder gehören sie zur Außenwelt, oder verschränken sie sich zu einer Chimäre aus beiden Dimensionen? Diese und weitere, dazugehörige Fragen möchten wir auf unserer Konferenz erörtern.

Wir danken der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) und dem Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse (WAP) für ihre Gastfreundschaft, und wir danken dem wissenschaftlichen Komitee sowie dem lokalen Komitee für die engagierte Vorbereitung der Konferenz.

Die Präsidentinnen und Präsidenten der Gesellschaften, welche der EPF angehören, sowie die Exekutive wünschen Ihnen eine anregende und persönlich erfolgreiche Konferenz.

Jorge Canestri  Präsident der EPF

Heribert Blass  Vizepräsident und Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees

Martina Burdet Dombald  Generalsekretärin


[i]Alle Literaturangaben erhältlich bei Heribert Blass

 

(Wien, Hofburg)

Programm

 

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Papers and abstracts should be submitted in the language they will be read at the Conference.

The author takes full responsibility for the content of his or her contribution. Ethical considerations concerning clinical material are solely the responsibility of the author. Authors are expected to give correct and extensive references when referring to or quoting relevant publications by psychoanalytic colleagues.

 

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The abstract

The abstract - if the paper is accepted at peer review - will serve as an advertisement for your presentation on the EPF website and in the Conference Programme. It is therefore important that the abstract is clear, the title is attractive, and that they furnish as much information as possible on what the paper is about.

 

Deadline for submissions

The deadline for the submission of abstracts and papers (they should be sent together) is 30th November 2019. In case the paper is accepted, the abstract will be posted on the EPF website in the language in which it will be presented.

 

Peer-review

Submissions will be anonymously reviewed by three independent peer reviewers according to the following criteria: psychoanalytical quality of argument, relevance for the conference theme – and the argument should be interesting for the audience. The final decision of acceptance is taken by the Scientific Committee, based on the organization of the programme and on the number of available time slots.

 

If your paper is accepted

The Scientific committee will choose the time slot for presentation. The number of participants attending an individual paper can vary very much. It will not be possible to provide simultaneous translation for these events.

 

Length of final paper

The time allocated for the presentation will be 40 minutes, which will give 45-50 minutes for discussion with the audience, supported by the chair of the session. Your paper should not exceed 12 pages, and as presenter it is your responsibility to observe the allocated time limit.