Arlette Lecoq - Belgian Psychoanalytical Society
 18 Feb. 2021

Round Table: Die Realität von Covid und die möglichen Konsequenzen für die psychoanalytische Technik

 

Ich litt bereits an der Pest, noch bevor ich diese

Stadt und diese Pest kennengelernt hatte.

Albert Camus

 

Die vielen Fragestellungen, Beobachtungen, Ebenen, die vielen Webinare zum Thema Covid, spiegeln sowohl den Schock für das analytische Paar - wie den der ganzen Welt - wider, als auch die Tatsache, dass wir immer noch mittendrin und noch nicht in einem Nachhinein bzw. „après-coup“ der pandemischen Turbulenzen sind. 

In dem verzweifelten Bemühen, Sinn und Hilfe zu geben und Chaos zu vermeiden, vervielfachen wir Unternehmungen und Überlegungen und ignorieren doch weiterhin Ausgang, Dauer, die Konsequenzen und die Folgen dieser Plage.

Auf globaler, sozialer, familiärer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und epidemiolo-gischer Ebene werden wir hinsichtlich des Virus von einer anhaltenden Flut von Informationen in alle möglichen Richtungen – manchmal dank fake news in falsche – überschwemmt. Die Unsicherheit und relative Hilflosigkeit; der Tod, der sonst im stillen Kämmerlein verdrängt ist, steht plötzlich schamlos im Rampenlicht; - all dies trifft uns unvorbereitet und löst, um die Ängste und Depressionen zu neutralisieren, eine ganze Reihe von Verleugnungen, Spaltungen, manischen Reaktionen, Phobien aus,.. die unserer Psyche zur Verfügung stehen, um dem Chaos zu begegnen. Niemand ist davon unberührt, auch die Analytiker nicht.

Die Realität der Gesundheitskrise trifft uns ins Mark, da wir nicht vorbereitet waren. Aber der Blitz erschien auch nicht aus heiterem Himmel, dieser war bereits verhangen von dunklen Wolken und mehreren Krisen, die den Meta-Rahmen (Kaës) unserer sozialen Bezüge zum Wanken gebracht hatten: die Klimakrise, die bedrohte Demokratie, die Migrationskatastrophe, die gefährdeten Arten und die zusammenbrechende Wirtschaft hatten unsere Orientierung bereits erschüttert.

Als es darum ging, für diesen round-table über die Arbeitsmethoden und -techniken unter den uns überwältigenden Umständen nachzudenken, wollte ich mich im Zusammenhang mit meiner Klinik auf einige Vorgehensweisen konzentrieren, auf einige Achsen, die mir als mögliche Anhaltspunkte erschienen, als Rettungsringe beim Navigieren in diesen stürmischen Gewässern, um einen Schiffbruch zu vermeiden.

 

Innerer Rahmen / äusserer Rahmen

Herr B. ist in Analyse, seine starke zwanghafte Abwehr hat lange Zeit seine positiven Übertragungsbewegungen gegenbesetzt. Als der erste lockdown in Belgien einsetzte, war er gerade etwas aufgeschlossener geworden. In einem Traum empfing er einen Klienten im Büro seiner ehemaligen Therapeutin (die ihm früher sehr geholfen hatte, ihn aber leider später bei sich zu Hause besucht hatte; es hatte keine intimen Beziehungen gegeben, aber immerhin!). In seinem Traum war Herr B. dann eingeschlafen und sein Klient fort. In seinen Assoziationen kommt er auf das verführerische Verhalten seiner Mutter, als er klein war.

Der nächste Tag ist die letzte Sitzung vor den Ferien, die mit dem von der belgischen Regierung beschlossenen lockdown zusammenfallen. Wie meinen anderen Patienten schlage ich vor, dass wenn der lockdown über die Ferien hinaus andauern sollte, ich ihn per Telefon oder Skype würde empfangen können. Angesichts der Anwesenheit seiner Frau und seines Sohnes zu Hause scheint ihm dies unmöglich. „Dann würden Sie wie zu mir nach Hause kommen, es käme mir wie Inzest vor“, sagt er mir! „Außerdem kommt es hier nicht darauf an, was gesagt wird, sondern was getan wird, es ist das Emotionale. Für mich ist es wichtig, aus meinem Haus herauszukommen, zu Ihnen zu kommen, da ist das Symbolische und all das“.

Ganz offensichtlich barg ein Anruf via Skype oder Telefon das Risiko, das inzestuös erlebte Eindringen seiner ehemaligen Therapeutin zu wiederholen, das ihn auf frühe traumatische verführerische Verhaltensweisen seiner Mutter zurückverwies. 

Ein Monat später ist der lockdown beendet, Herr B. kommt mit Maske und Visier an, reinigt sich gründlich mit Gel, und nachdem er mir mitteilt, dass es für ihn einfacher sei, maskiert und daher ein wenig versteckt zu sprechen ... sagt er mir dezidiert, dass er die Analyse nicht fortsetzen werde, weil die Situation zu gefährlich sei. Seine Entscheidung ist getroffen: die Partikel dringen auch durch eine Maske, das Risiko Null gibt es nicht, er will weder infiziert werden noch seine Familie anstecken. Seine Aggressivität ist offensichtlich, aber es ist eine Frage der Realität, betont er. Selbst mit einem Plexiglas zwischen uns wäre es zu gefährlich!

Ich war perplex und mir nicht ganz sicher, auf welcher Ebene ich intervenieren könnte. Es war der Tag der Wiederaufnahme der Therapien mit allen meinen Patienten: nun gab es in meiner Praxis Masken, das Gel; die eine Sitzung verlief in Präsenz, dann folgte eine andere per Skype oder Telefon, was meinen gewohnten Rahmen destabilisierte. Große Befürchtungen für den einen oder anderen Patienten waren präsent, was die Qualität meines Zuhörens beeinträchtigte. Ich blieb schweigsam und versuchte, mich zu orientieren, und dann kam mir die Stimmung der letzten Sitzungen mit ihm wieder in den Sinn. 

Ich intervenierte dann, um ihm zu zeigen, dass diese negative Reaktion und der drohende Abbruch ihm ermöglichten, zu der zunehmenden, spürbar gewordenen Aufgeschlossenheit vor dem lockdown Distanz zu schaffen, denn diese beunruhigte ihn potentiell, vor allem dann, wenn der Rahmen nicht eingehalten wurde. Diese Deutung besänftigte meinen Analysanden, und wir nahmen den Faden des vor sich gehenden innerpsychischen Prozesses wieder auf. Das Weitere entwickelte sich positiv.

 

Diskussion

Die Gefahr der äußeren Realität deckte sich bei Herrn B. mit der inneren Gefahr, die ihn mindestens genauso zu destabilisieren drohte. Die unbewusste Verflechtung der Realitäten hätte den Untergang mangels ausreichender Vertäuung beschleunigen können, der unbewusste Widerstand des Patienten hatte sich an der Quelle des äußeren Traumas nähren können.

Mein eigener äußerer Rahmen wurde auch durch die Realität (Gel, Masken ...) gestört sowie durch die herrschende Angst, und ich brauchte einige Zeit, um den Faden des Analyseprozesses wieder aufzufinden.

Gemäß Green ist es notwendig, dass „der Analytiker den Rahmen verinnerlicht, damit dieser immer präsent bleibt, selbst dann, wenn man ihn nicht aufrechterhalten kann; er wird dann zumindest als Referenz seine Rolle spielen...“. 

Der interne Rahmen des Analytikers, Ergebnis seiner persönlichen Analyse und seiner Besetzung des analytischen Prozesses, ist daher einer der besten Garanten für die Beständigkeit des Prozesses, auch dann, wenn die Bezüge ins Wanken geraten. 

Aber dieser ist nicht undurchlässig, eine gewisse Porosität zwischen dem äußeren und dem inneren Rahmen bringt eine Dynamik zwischen beiden mit sich, entsprechend den belebenden oder störenden Ereignissen, auch beim Analytiker, wie wir gerade gesehen haben. Es genügt, die vorübergehende Störung des gleichschwebenden Zuhörens zu erwähnen, wenn ein Patient uns offenbart, dass Jemand in seiner Umgebung das Virus hat, oder einfach nur, weil er niest.

Zu solcher Komplexität kommt hinzu, wie sehr die Wut von Herrn B. gegen die äußere Realität und sein Umgang damit eine echte Sorge um seine Gesundheit ausdrückte, aber gleichzeitig auch eine Verschiebung seiner Wut auf mich war. Eine subtile Mischung aus Empathie und dem Hören auf seine inneren Triebrealität, um das Gesamt seiner psychischen Bewegungen zu erfassen, war daher erforderlich. Denn selbst das Plexiglas hätte nicht ausgereicht, um die schädlichen Auswirkungen seines Todestriebs in dieser Situation zu verhindern. Thanatos befand sich ebenso in den Tiefen von Herrn B‘s verdunkelter Seele wie in den Viren der umgebenden Luft. 

 

Der Bildschirm, der trennt und Verbindung schaffen kann

Der Kompass kommt wiederum ins Kreiseln, wenn vorgeschlagen wird, über einen Bildschirm die Therapie fortzuführen. Manche Patienten können sich darauf überhaupt nicht einlassen, andere sind dadurch gehemmt, wieder andere sind erleichtert. Es ist eindeutig,  dass der Bildschirm die Kontinuität vieler Behandlungen ermöglicht hat. Auch ist es unbestreitbar, dass der Zeitpunkt der Behandlung, die Ausgangssituation des settings, das psychische Geschehen des Patienten oder des Analysanden bestimmende Variablen sind, die bei der Betrachtung der Auswirkungen des Bildschirms auf den laufenden Prozess zu berücksichtigen sind. Der Bildschirm oder das Telefon haben auch ermöglicht, Menschen in Not während dieser Epidemie einige entscheidende und wohltuende analytische Sitzungen zur Verfügung zu stellen. Davon zeugen die bemerkenswerten Arbeiten von Anna Maria Niccolo, von Mariza Vejmar, und jenen, die in Portugal, auch ein wenig in Belgien, ausgeführt wurden.

Ich werde mich hier darauf beschränken, den vorübergehenden Einsatz von einem Bildschirm während des lockdown für Analysanden oder Patienten in der analytischen Therapie zu diskutieren.

Beispiele: 1 / da war Madame X, eine große Intellektuelle, deren mechanistisches psychisches Geschehen Überraschungen für mich bereithielt. Nach einer Zeit ohne Träume erzählte sie mir in einer Face-Time-Sitzung von ihrem Morbus Crohn und ihrem Bauch, der seit dem Tod ihres Vaters kurz vor der Explosion stand. In der Sitzung danach sprach sie ungeordnet über ihre Ängste in der Kindheit, von Gefühlen, die wie immer von ihrem Körper ausgedrückt wurden, mittels Durchfall, dann einen Albtraum mit einer Maus, vor der sie phobische Angst hat, und die sehr schnell auf einem Bürgersteig läuft. Dann sprach sie von dem Terror, der in der Familie herrschte, von ihrem Vater, den sie, als sie noch sehr klein war, hörte, wie er betrunken und gewalttätig nach Hause kam. Sie wollte dann einfach nur weg, wegrennen (ich denke, vielleicht wie eine kleine Maus; ihre Morphologie und ihr Gesicht erinnerten mich oft an eine kleine Maus). Sie hat das Gefühl, dass sie noch heute in ihrem erwachsenen Körper die Ängste eines sechsjährigen Mädchens hat. Auch bei mir hat sie das Gefühl, kindliche Erwartungen nach Sicherheit zu haben, und sie glaubt, dass ihre Tendenz zum Intellektualisieren sicherlich ein Schutzschild gegen all das war. Sie fragt sich auch, wie sie noch vor der Einschulung reagierte, als sie noch kleiner war. Vielleicht mit dem Körper, sage ich, sich entleeren, um die Angst loszuwerden. Die Verbindung wird offensichtlich, und sie sagt mir dann bewegt und ziemlich verlegen, dass sie sich jeden Morgen entleeren muss, bevor sie zur Arbeit geht; dies ist unerlässlich, und alles geht in 30 Sekunden raus.

Oft geht sie nicht aus, weil sie befürchtet, von ihren Bedürfnissen überrascht zu werden. Deshalb macht sie auch keinen Urlaub mit Freunden. Weil sie es verabscheut, wenn man sieht, dass sie zur Toilette geht. Kann man sie vielleicht hören? Das nächste Mal hat Frau X von einer winzigen, runden grauen Maus, wie ein Spielzeug, geträumt; sie öffnet ihr die Tür, und die Maus läuft ganz langsam hinaus. Sie ist erleichtert, dass die Maus weg ist, auch durch die Sitzungen, und Frau X sagt mir spontan, dass sie mir äußerst wichtige Dinge mitgeteilt hat, als sie über ihren Körper sprach, und dass sie das niemals vor mir, in meiner Präsenz, hätte sagen können, sie hätte sich zu sehr geschämt. Von Zuhause aus ist es einfacher, weil sie sich mehr in Sicherheit fühlt, in ihrem Zimmer mit den vertrauten Gegenständen, sie muss keinen Parkplatz suchen, um zu mir zu kommen; dann fügt sie hinzu, ich bin klein, aber hier stört mich das nicht, während Sie bei sich Ihren ganzen Platz haben (entsprechende Gesten). Ich glaube, die Maus ist weg, weil ich meine gegenwärtigen Ängste mit der Angst vor meinem Vater in Verbindung bringen konnte und mit allem, was damit zusammenhängt ... und so konnte sie gehen.

Ohne Zweifel waren diese Sitzungen überraschend und befreiend.

In einem kürzlich erschienenen Artikel verglich Martin Gauthier den Bildschirm mit dem Schutzschild von Perseus, der das Bild des Anderen auf eine binäre Dimension, auf eine Oberfläche reduziert und der deshalb keine lähmende Handlung mehr auf seinen Gesprächspartner ausüben kann. Wir wissen, wie sehr Medusa in ihrer von Pasche (1971) beschriebenen archaischen Version den Betrachter faszinieren und erstarren lassen kann, bis dieser zerstört ist. Hat dies Frau X daran gehindert, als kleines Kind zu existieren und sich bei mir und vor mir zu entfalten? Haben ihr fehlender Reizschirm und ihre brüchige Subjektivität sie zu sehr meinem im Bildschirm vergrößerten und lähmenden Blick ausgeliefert? Als ich auf eine einfache Oberfläche reduziert war, ihr auf dem Computer zur Verfügung stehend, konnte sie ihre kindlichen Worte und ihr nie ausgesprochenes Schamgefühl herauslassen. Es bleibt abzuwarten, ob das Wichtigste nicht sein wird, mir gegenüber präsent zu sein, ohne von meinem (An-)Blick erstarrt zu sein. Man kann auch annehmen, dass die Sitzungen in einer Art Jenseits stattfanden, einem virtuellen Zwischenraum, eine virtuelle Begegnung wie eine Probe vor der realen Begegnung mit mir. 2 / Herr Y, geschützt durch die Entfernung, konnte seine Lust ausdrücken, mir den Hals umzudrehen. Da er nicht von Angesicht zu Angesicht über seine Gewalt sprechen konnte, war es jetzt im Schutz vor einem Ausagieren möglich, diese in Worte zu fassen, was später, nach dem Ende des lockdowns wieder aufgenommen werden konnte.

3 / Eine Analysandin träumte während des lockdown von einer Leitplanke (die vielleicht die Kontinuität des Analyseprozesses symbolisiert), auf die sie sich stützen könnte, um die Entdeckung der kindlichen Sexualität weiter voranzutreiben.

In diesen drei Situationen führte der Bildschirm für die ersten beiden Patienten eine bequeme Distanz ein, und näherte die Dritte mir an, indem ich als Leitplanke erschien, auf die sie sich stützen konnte. Schild des Perseus bei den ersten beiden, Mittel zur Symbolisierung bei der dritten.

Es scheint mir unmöglich, die Wirkung des Bildschirms auf die verschiedenen Situationen zu verallgemeinern, sie müssen jeweils einzeln betrachtet werden.

Allerdings könnten Medusa und Perseus helfen, einige dieser Situationen zu verstehen.

Wir können unsere Wahrnehmungsinstrumente erweitern und ihre Ergebnisse kombinieren, um die Suche zu verfeinern. So kann die originelle Konzeptualisierung des Rahmens, die José Bleger 1967 vorgelegt hat, unsere Orientierung und unser Verständnis der Auswirkungen der Verwendung des Bildschirms fördern. Bleger hat gezeigt, dass es der symbiotische Anteil, der archaischste Teil der Persönlichkeit ist, der auf dem Rahmen deponiert wird, und dass dieser still bleibt, solange der Rahmen nicht schwankt. Kein Zweifel, ein Neurotiker kann andere Anteile auf dem Rahmen deponieren als ein Psychotiker. Ebenfalls kein Zweifel, dass auch der Analytiker bestimmte archaische Anteile in seinem üblichen Rahmen unterbringt. Meine Analysandin, der sich mehr auf der Seite der Neurose bewegte, konnte die symbolisierende Funktion des laufenden Prozesses beibehalten und sich auf eine analytische Leitplanke stützen, um die Erforschung ihrer infantilen Sexualität fortzusetzen. Herr Y, geschützt durch das digitale Perseus-Schild, konnte in Worten die Gewalt agieren, die noch zusätzlich von der außergewöhnlichen Situation aufgeladen war. Es scheint mir also wichtig, die Reaktionen der Patienten vor dem Hintergrund zu verstehen, was jeder von ihnen zuvor auf dem äußeren analytischen Rahmen deponiert hatte und dem jetzt gerade erschütterten Meta-Rahmen.

 

Der Tod

Der Tod ist da, spürbar in der Luft, in den Sirenen der Krankenwagen und in der tagtäglichen Zählung der Todesfälle, im lockdown, in der Stille der Autos wie in dem impertinenten Zwitschern der Vögel, das hörbar wird. Der Tod ist da !! Wir müssen kämpfen und überleben!

Dies ist jedoch nicht neu, wenn wir uns auf die Statistik von Verkehrsunfällen, Herzinfarkten oder anderen Unfällen beziehen. Neu ist jedoch die brutale Enthüllung einer globalen Realität, die uns unsere Verwundbarkeit bewusst macht und die Orientierung raubt und die möglicherweise die Bindungskapazitäten unseres jeweiligen Ichs übersteigt! Die Dringlichkeit des Kampfes um das Leben ist offensichtlich, es ist ein Krieg. Die Gefahr scheint von der äußeren Realität zu kommen, ein chinesischer Virus, sagt uns Donald Trump, der mit hasserfüllten und rassistischen Projektionen nicht geizt, und dann ist es auch so viel einfacher, gegen Feinde zu kämpfen, statt die wissenschaftliche Artillerie gegen diesen winzigen Virus zu mobilisieren, ein Virus, er uns machtlos macht,.... der Ausgang ist noch ungewiss.

Aber wo nistet dieser Virus? Beim Anderen, im Anderen, im Quidam, dem Analysanden, aber auch im Analytiker, dem Nebenmenschen, in sich selbst also, ungeachtet der äußeren und körperlichen Grenzen. Verleugnung, Projektion, Spaltung sollen die Gefahr und das Böse weit weg treiben oder aber sie verschieben und fokussieren die Probleme in den jeweiligen Regierungs- oder wissenschaftliche Strategien.

Für diejenigen, die die Realität der Epidemie anerkennen, wird die lebensnotwendige  Ausdauer auf eine harte Probe gestellt, und Depressionen drohen. Ich habe einen jungen Arzt gehört, der in melancholischen Gedanken vom Ende der Welt versank. Seine Lebendigkeit und Ausdauer waren dem Todestrieb gewichen, der ihn bis zum Zerfall überwältigte.

Das Klima des Todes kann ungewöhnliche Reaktionen hervorrufen. Situationen mit großer Unsicherheit, sagt Dominique Scarfone (2020), können unsere Entscheidungen und unsere Gedanken auf binäre Positionen verengen. Das ist sicherlich so, und ich denke sogar, dass es im Dienste des Überlebens zu  einer vorübergehenden Entpsychisierung, einer kontinuierlichen Abflachung des psychischen Lebens und einer topischen Zerstörung des Vorbewussten kommen kann, so wie wir es bei der „pensée opératoire“ beobachten.

Man könnte fast von „funktionaler pensée opératoire“ sprechen, einer Überlebensbewegung vom Todestrieb genährt, was Nathalie Zaltzman mit ihrer Konzeption vom anarchischen Trieb illustriert hat: eine Zeit des narzisstischen Rückzugs, des körperlichen Rückzugs, einer minimalen Psychisierung, der monotonen Gefühle und der Düsternis, sowie der Konzentration auf die nackte Materialität der Worte, um wenigstens auf Schmalspur am Leben zu bleiben. Es bleibt bei näherem Nachdenken vielleicht nichts anders übrig, als dieses adaptive Aussetzen zu respektieren und auf die Rückkehr zu Libido und zum Leben zu warten. Die Nutzung von Telefon und Skype höhlen viele Begegnungen aus, der Austausch ist auf eher Faktisches beschränkt, was meines Erachtens vom ökonomischen Rückzug im Dienste des Überlebens zeugt.

Schließlich stimme ich den Ideen von Julia Kristeva (2020) voll und ganz zu, wenn sie sagt, dass der Erreger genauso in uns selbst ist wie in der Humangenetik. Eine Kulturarbeit, um das Böse in uns zu bearbeiten, ist daher notwendig, und die Prüfung, die wir durchmachen, könnte dafür eine Gelegenheit bieten. Aber zweifellos beraubt uns die Tatsache, dass wir noch nicht im Nachhinein sind, der Möglichkeit, diese Kulturarbeit im hic et nunc zu vertiefen; sie wartet auf uns in der nächsten Zukunft.

Dies erlaubt mir, diesen kleinen Beitrag so zu beenden, wie ich ihn begonnen hatte, d.h. mit einem weiteren Zitat von Camus: „...jeder trägt sie in sich, die Pest, denn niemand, nein, niemand in der Welt ist davon unbeschadet“.

 

Übersetzung aus dem Französischen von Susann Heenen-Wolff (Brüssel)


Literaturangaben

Bleger J., (1967), Symbiose et ambiguïté, trad franç Paris, PUF 1981 Psychanalyse du cadre psychanalytique in Crise, Rupture et Dépassement, Dunod, P. 255-285
Camus A., (1947), La Peste, Gallimard

Gauthier, M., (2020), La caverne de Théo. Dans quel espace vivons-nous aujourd’hui? Online publication: May 28, 2020 URI https://id.erudit.org/iderudit/1069698ar DOI https://doi.org/ 10.7202/1069698ar

Green A, (2000), Le cadre psychanalytique: son intériorisation chez l’analyste et son application dans la pratique, L’avenir d’une désillusion, PUF, p.42

Kristeva J., Scarfone D., (2020), La situation virale et ses résonances psychanalytiques. Conversation webinar de l’IPA, 14 juin 2020.

Pasche F. (1971), Le bouclier de Persée ou psychose et réalité, RFP, 35, 5-6 p. 859-870

Zaltzman N., (1979), La pulsion anarchiste in Psyché anarchiste Débattre avec Nathalie Zaltzman , Paris, PUF, 2011