Seduction – Séduction – Verführung

40th EPF Annual Conference

Sevilla, Spain

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

40. EPF-Jahrestagung 19. & 20. März 2027 Sevilla, Spanien
‘Seduction – Verführung – Séduction – Seducción’

wir freuen uns sehr, Sie zur 40. Jahrestagung der Europäischen Psychoanalytischen Föderation an einen Ort einzuladen, an dem uns nicht nur die wärmende Frühlingssonne zur Zeit der Orangenblüte erwartet, sondern auch eine der größten Altstädte Europas – Sevilla.

Das Konzept, das als „Verführungstheorie“ bekannt wurde, stellt einen bedeutsamen und kontroversen Wendepunkt in der Entwicklung der Psychoanalyse dar – mit Folgen, die bis heute nachhallen. Innerhalb der frühen Freud’schen klinischen Theorie lassen sich „Verführung“ und „Verführungstheorie“ unterscheiden: Diese beiden Begriffe haben im Lauf der Geschichte der Psychoanalyse ein unterschiedliches Schicksal erfahren – zunächst bei Freud selbst und später auch in der postfreudianischen Theoriebildung, insbesondere bei Jean Laplanche.

Unter „Verführung“ versteht Freud eine Szene, in der das Kind eine sexuelle Annäherung durch einen Erwachsenen passiv erleidet. Freud spricht gelegentlich statt von Verführung auch von „Missbrauch“ oder „sexuellem Trauma“. In den Texten, die der Postulierung der Verführungstheorie vorausgehen, war seit dem Ende der 1880er Jahre dagegen immer nur vom „Trauma“ oder vom „psychischen Trauma“ die Rede. Um das Jahr 1895 herum wurde dies als „sexuelles Trauma“ spezifiziert.

Wirklichen Aufschluss über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, den Freuds Patientinnen erfahren haben oder zumindest glauben, erfahren zu haben, ermöglicht eine aufmerksame Lektüre von Freuds Briefen an Fließ aus der Zeit zwischen 1895 und 1897 (Freud, 1985). Die Brutalität der Szenen, die Freud dort wiedergibt, hat er später in seinen offiziellen Schriften vollkommen verschleiert. Warum? Auf Grundlage des Materials, das ihm von seinen Patientinnen und Patienten geliefert wurde, identifiziert er an verschiedenen Stellen seiner Korrespondenz mit Fließ den Verführer als den „perversen Vater“ und spricht deshalb an einer Stelle von einer „paternellen Ätiologie“ (Freud 1985, S. 237), ein anderes Mal von „Vaterätiologie“ (Freud 1985, S. 312; vgl. Hock 2010).

Freud selbst hat den Begriff „Verführungstheorie“ nie verwendet, weder in seinen Schriften noch in seinen Briefen. Zur Theorie wird sie dadurch, dass sie als der entscheidende verursachende Faktor für die Hysterie angesehen wird.

Zwei Momente an dieser frühen Verführungstheorie sind es wert hervorgehoben zu werden, da sie nichts an Bedeutung verloren haben.

  1. Die Verführungstheorie funktioniert nach dem Prinzip der Nachträglichkeit. Die sexualtraumatische Erfahrung erfolgt ihr zufolge zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten. Das „vorzeitige Sexualerlebnis“ bleibt zunächst unbearbeitet, da das Kind nicht über die Fähigkeit verfügt, es in den psychischen Apparat zu integrieren; es wird wie ein innerer Fremdkörper sozusagen aufbewahrt. Erst nachträglich wirkt dieses Erlebnis traumatisch, wenn im Zuge der sexuellen Reifung ein zweites Erlebnis durch eine assoziative Verbindung die Erinnerung an das erste triggert und ihm dadurch eine neue, nun traumatische Bedeutung verleiht.
  2. Das Kind erlebt die Verführungsszene in einem doppelten Sinne passiv: Es ist nicht nur situativ, also unvorbereitet passiv, lässt über sich ergehen, was als „Angriff“ geschieht. Das Kind ist auch konstitutionell passiv, es verfügt in keiner Weise über die psychischen Möglichkeiten, auf die Erwachsenensexualität in irgendeiner Weise reagieren zu können – daher die traumatische Wirkung von Verführungsszenen.

Wichtig erscheint, dass „Verführung“ und „Verführungstheorie“ im Freud’schen Werk ein unterschiedliches Schicksal erfahren haben. Während Freud bis zum Ende die Bedeutsamkeit von Verführungserlebnissen für die kindliche Entwicklung und damit auch die infantile Sexualität betont hat, gibt er seine eigene Verführungstheorie im Herbst 1897 auf. Der entscheidende Moment ist in seinem Brief an Fließ vom 21.9.1897 dokumentiert („Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr…“). Freuds Briefe an Fließ sind unerlässlich für jeden, der die Fortentwicklung der Freud‘schen „Verführungstheorie“ über die letzten 120 Jahre detailliert nachverfolgen möchte.

Die beiden Texte zur Geschichte der Psychoanalyse (1914, 1925) werfen ein Licht auf das, was Freud als seine frühe Theorie ansah. Er legt darin die Grundlagen, der die allermeisten postfreudianischen Analytiker über alle Schulen hinweg gefolgt sind. Erst durch die Aufgabe der Verführungstheorie als eines universellen Phänomens in der Ätiologie der Hysterie, so argumentiert er, sei der Wert der unbewussten Phantasien zutage getreten, und erst in der Engführung dieser Phantasien mit dem Ödipuskomplex (als Kern der Neurose) habe die Psychoanalyse das Grundprinzip ihrer Theorie schaffen können.

Obwohl wir weiterhin an der Bedeutung der Fantasie und der zentralen Rolle der psychischen Realität innerhalb der Psychoanalyse festhalten müssen, dürfen wir den tatsächlichen sexuellen Missbrauch von Kindern durch Erwachsene und die Realität des Inzests nicht aus den Augen verlieren.

Obwohl Freud 1897 seine Theorie der „Neurotica“ aufgab, erkannte er die Bedeutung sowohl der Fantasie, verführt worden zu sein, als auch von „realen Erinnerungen“ an Verführung an (1916-17). Später schrieb er, Traumen seien entweder Erlebnisse am eigenen Körper oder Sinneswahrnehmungen, meist von Gesehenem und Gehörtem, also „Erlebnisse oder Eindrücke“ (Freud, 1939).

Jean Laplanches bahnbrechende Kritik an Freuds „eingeschränkter“ Verführungstheorie führte zur Entwicklung seiner eigenen „Allgemeinen Verführungstheorie“ (Laplanche 1987/2011). Von den zahlreichen Veränderungen, die er an Freuds ursprünglicher Theorie vorgenommen hat, soll hier nur die wichtigste hervorgehoben werden: Für Laplanche konfrontiert der erwachsene Andere das kleine Kind nicht mehr mit seiner bewussten genitalen Sexualität, sondern mit seiner polymorph-perversen infantilen Sexualität, die er selbst verdrängt hat. Das Kind erfährt die unbewusste infantile Sexualität des Erwachsenen auf dem Weg über „rätselhafte Botschaften“, die die unentwickelte Psyche des kleinen Kindes überfluten und verwirren.

Im Zuge seiner Neubewertung und faktischen Überarbeitung der Freud’schen Verführungstheorie hat Laplanche insbesondere Ferenczis Aufsatz über „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind“ (1933) besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Ferenczis Gedankenlinie/Argumentation war von Freud ursprünglich als theoretische Regression hin zur vermeintlich überwundenen Verführungstheorie abgelehnt worden. Laplanches Umarbeitungen trugen mit dazu bei, Ferenczis Denken zu einer regelrechten Renaissance zu verhelfen und läuteten so eine neue Runde der Kontroverse ein. Laplanches Formulierungen stützen sich auf Freuds spätere Hypothese, die Mutter sei in der Säuglingspflege die erste Verführerin. Könnte es also auch einen möglichen Dialog zwischen Laplanches „allgemeiner Theorie“ und Winnicotts Betonung der zentralen Rolle der Mutter in der frühen psychischen Entwicklung geben? Ist beispielsweise auch die „hinreichend gute“ Mutter verführerisch? Viele weitere Theorien stellen die Mutter als begehrende Frau in den Mittelpunkt, deren Sexualität auf das Kleinkind einwirkt (vgl. M. Fain; De M’Uzan; P. Aulagnier).

Die wissenschaftliche Arbeit der EPF darf die psychoanalytischen Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten in der postfreudianischen Theorie nicht außer Acht lassen. Wie gut gelingt es der Psychoanalyse heute, die anhaltenden und allgegenwärtigen traumatischen Leiden von Kindern und schutzbedürftigen Menschen in den Blick zu nehmen – gerade aufgrund der Realität der „Sprachverwirrung“? Wie hören wir die Narrative und die Überzeugungen unserer Patienten über ihre subjektiven Erfahrungen?

Wir laden Sie herzlich ein, gemeinsam mit uns diese Fragen zum Thema „Verführung“ zu erörtern, und freuen uns, Sie zusammen mit den spanischen psychoanalytischen Gesellschaften am 19. und 20. März 2027 im Hotel Barceló Sevilla Renacimiento begrüßen zu dürfen.

Jan Abram, Präsidentin der EPF

Udo Hock, Vizepräsident der EPF

Nergis Güleç, Generalsekretärin der EPF

(Aus dem Englischen übersetzt von Eike Wolff, Brüssel)

 

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Pre-Conference 17th – 18th March 2027
Main Conference 19th – 20th March 2027

More information will follow soon.

 

CALL FOR NEW AUTHORS

Individual Papers Sevilla 2027

5.00 – 6.30 pm on Friday 19th March and Saturday 20th March, 2027

The Individual Paper Section offers an opportunity for new authors to present their clinical/metapsychological work to an EPF audience with the possibility of it being published on the EPF website.

The IP Section is open to:

New authors who are IPA members
Newly qualified analysts
New authors to the IP Section

The paper should be between 4,000 and 6,000 words and relate directly to the theme of the conference argument on the EPF website.

The main argument (up to 200 words), should be outlined in the Abstract. References must be included at the end of the paper according to the EPF Style Guide – see here

ALL CLINICAL MATERIAL MUST BE DISGUISED FOLLOWING THE EPF PUBLICATION POLICY – see here

Please send your paper in full with the title, author’s name and society, and the Abstract at the beginning of the paper.

Submissions should be received not later than November 30th 2026. You will receive the outcome of your submission at the beginning of January 2027.

PLEASE NOTE:

Submissions can only be accepted through the submission system. Please upload your submission here: (the link to the submission system will be available soon)

EPF registration tradition

All participants of the EPF Annual Conference are expected to register and pay the appropriate fee for the full conference. The only exceptions to this tradition are the Plenary Speakers, Board Directors and special invited guests for the Round Table.

All speakers and participants should be IPA members and/or candidates. Guests, who should be recommended by an IPA analyst, are also welcome as long as they are bound by a code of ethics related to psychoanalytical clinical work.

This registration tradition is based on the aims and objectives of the Annual Conference since the first EPF’s conference in 1976: to offer a forum for European psychoanalysts to gather together for psychoanalytic scientific discourse in an atmosphere of collaboration and tolerance regarding different theoretical psychoanalytic perspectives and the advancement of psychoanalysis.

We trust that all participants will appreciate the spirit of this esteemed tradition and see their registration fee as a contribution to the continuity and expansion of psychoanalysis in Europe in the best interests of all psychoanalytic societies of the Federation.

Thank you for your consideration.

EPF Board of Directors

 

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