Europäische Psychoanalytische Föderation SYMPOSIUM ZUM 60-JÄHRIGEN JUBILÄUM
Demokratie und Psychoanalyse in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
EPF House Brussels in person and online
Oct. 2 – 3, 2026
Europäische Psychoanalytische Föderation
SYMPOSIUM ZUM 60-JÄHRIGEN JUBILÄUM
Demokratie und Psychoanalyse in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Die Europäische Psychoanalytische Föderation ist im Bereich der Psychoanalyse eine bedeutende wissenschaftlichen Organisation geworden, deren 60-jährige Geschichte die Herausforderungen und Erfolge der Psychoanalyse auf einem facettenreichen und politisch turbulenten Kontinent widerspiegelt. Die EPF-FEP entstand nach 1945 aus der Asche eines zerstörten europäischen Kontinents, auf dem die meisten psychoanalytischen Gesellschaften Europas ausgelöscht worden waren, darunter auch Sigmund Freuds eigene Wiener Psychoanalytische Vereinigung, von der 1945 nur noch ein einziges Mitglied übriggeblieben war.
Die Psychoanalyse, die sich, wie Freud ursprünglich vorgeschlagen hatte, intensiv mit der Befreiung des Individuums von hysterischem Leid befasste, blühte nach 1945 gleichwohl wieder, untrennbar verbunden mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die durch die Etablierung der Demokratie als politische Struktur geschaffen wurden. Lassen Sie uns über die Verflechtung von Demokratie und Psychoanalyse nachdenken, die sich in der heutigen Welt weiterentwickelt. Der politische Kontext, in dem Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts die Psychoanalyse begründete, ist von Bedeutung, aber inwiefern? Kann die Psychoanalyse, wie wir sie heute in Europa verstehen, unter totalitären Regimen gedeihen oder ist sie, um sich behaupten und verbreiten zu können, auf ein demokratisches politisches Umfeld angewiesen?
Das massive und gewaltsame Wiederaufleben von tiefer Missachtung jeglicher Menschenrechte während des Zweiten Weltkriegs, das auch auf die Auslöschung psychoanalytischen Denkens zielte, war eine Bestätigung für die Existenz tiefer Wurzeln des Autoritarismus nicht nur in der menschlichen Psyche, sondern auch in der Geschichte der Menschheit. Als wäre ein Zwang zur Wiederholung einer traumatischen starken Strafe eine unvermeidliche Notwendigkeit, die ständig nur darauf wartet, als verführerische Variante von Machtausübung immer wieder mit dem tiefen Ziel aufzutauchen, einen primitiven, bösartigen Narzissmus absoluter Dominanz und Vernichtung des Anderen zu bestätigen.
In seinen späteren Texten, in denen er die menschliche Soziabilität hinterfragte, erkannte Freud, der den Ersten Weltkrieg und die Vorbereitungen zum Zweiten Weltkrieg durchlebt hatte, in denen alles, was als demokratisches Prinzip geltend gemacht werden könnte, gewaltsam beiseitegeschoben wurde, nachdrücklich an, dass das tiefe Wesen des Menschen alles andere als demokratisch ist. Bezeichnenderweise schreibt er, „dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist“ und der „Mensch dem Menschen ein Wolf“ ist: „homo homini lupus“. Freud zufolge ist der Mensch für seinen Nächsten auch „eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen“, ihn auszubeuten, „ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu martern und zu töten“ (1930, S. 470-471). Heute, 81 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, findet diese Sichtweise neuerliche Bestätigung durch die Schrecken, in die Europa hineingezogen wird.
Aus einer anderen Perspektive zeichnete Donald Winnicotts psychoanalytische Definition von Demokratie das Bild einer „Gesellschaft, die gut auf ihre gesunden individuellen Mitglieder abgestimmt ist und fundamental in individueller und gesellschaftlicher Reife verwurzelt ist”. Diese Sichtweise, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1950 niedergeschrieben wurde, bietet einen bemerkenswerten Blickwinkel, unter dem man die Entwicklung der Psychoanalyse sowohl als soziales Phänomen wie auch als therapeutische Behandlung betrachten kann, die sich von anderen psychologischen Methoden unterscheidet.
Winnicotts demokratisches Ideal basierte auf seiner besonderen Konzeption von Reife. Eine demokratische Gesellschaft zeichnet sich demzufolge durch ihre „Reife” aus, eine Eigenschaft, die mit der individuellen Reife ihrer gesunden Mitglieder zusammenhängt. Zur Realisierung dieses Ideals ist eine „innerlich verankerte demokratische Tendenz”1 bei einem ausreichenden Anteil der Individuen erforderlich. Für Winnicott gab es keine solche innerlich verankerte Tendenz ohne ein förderndes [psychisches] Umfeld, d. h. eine ganz normale hingebungsvolle Mutter. Der „innerlich verankerte demokratische Faktor” entsteht daher in einem „normalen guten Zuhause” im Wesentlichen durch die primäre mütterliche Sorge, die die Grundlage für emotionale Reife und letztendlich soziale Verantwortung legt. Störungen in dieser frühen Phase können das innere Potenzial für Demokratie mindern und/oder verzerren.
Bedrohungen für die Demokratie und die Ausbildung einer reifen Daseinsweise gehen von antisozialen Individuen aus. Jede Gesellschaft muss zwar wissen, wie hoch der Anteil antisozialer Individuen ist, sie muss aber auch in der Lage sein, die Wurzeln der antisozialen Tendenzen zu verstehen, die mit einem nicht hinreichend guten familiären Umfeld zusammenhängen. Die verborgenen antisozialen Wünsche streben aus Unsicherheit nach Macht über den Anderen, und dies führt oft dazu, dass unreife Individuen zu Anführern werden. Unreife Führung durch Personen, die „soziologisch betrachtet unreif” sind, verstärkt antidemokratische Tendenzen.
Demokratie im Krieg ist ein komplexes und oft widersprüchliches Konzept, da Krieg demokratische Ideale sprengt und die Reife von Personen bedrohen kann, die möglicherweise ihre demokratischen Prinzipien ändern, um am Leben zu bleiben und zu überleben – zumindest physisch. Aber zu welchem psychischen Preis?
1945 war Europa mit nahezu vollständiger Zerstörung konfrontiert. Paradoxerweise gewann die Psychoanalyse jedoch in besetzten Ländern wie Frankreich und Holland dadurch an Vitalität, dass sie „im Untergrund“ weitergeführt wurde, womit sie als Zentren für „Gedankenfreiheit und Vertrauen in die Zukunft“ wirkten (Groen-Prakken, 1986). Diese psychoanalytischen Widerstandsbewegungen waren frühe Versuche von Wiederzusammenführung, und es gab Nachkriegstagungen in Amsterdam (1947) und Wien (1958). Leider trugen diese Versuche aufgrund von fehlenden Ressourcen und Anreiseschwierigkeiten wenig Früchte. Aber es waren wichtige Versuche.
Die Gründung der Europäischen Psychoanalytischen Föderation erfolgte nach intensiven Debatten, in denen die anfängliche Zurückhaltung der Gesellschaften überwunden wurde, die internationale Einmischung in ihre Ausbildungsprogramme befürchteten. An diesem Prozess waren zwar mehrere Schlüsselpersonen beteiligt, aber es war der Schweizer Analytiker Raymond de Saussure, der trotz Sprachbarrieren und nationaler Identitäten die Gründung der EPF im Jahr 1966 maßgeblich herbeiführte. Anfangs hatte die EPF Schwierigkeiten, ihre eigene europäische Identität zu etablieren, und brachte für ihre Kommunikation und die Organisation von Tagungen zu Ausbildungs- und klinischen Themen das Bulletin „Psychoanalyse in Europa” auf den Weg, um damit allen Anfangsschwierigkeiten zum Trotz ihren Wert zu demonstrieren.
Mit der zunehmenden Demokratisierung der Regierungen europäischer Länder in den 1970er und 1980er Jahren demokratischer begann die Psychoanalyse ihre Weiterentwicklung in Osteuropa, als der „Fall des Eisernen Vorhangs” „neue Horizonte” in ganz Europa schuf und die politische und kulturelle Landschaft grundlegend veränderte. Die Etablierung von Demokratie förderte somit ganz direkt die Rückkehr und das Wachstum der Psychoanalyse in Ländern wie Ungarn, Polen, der Tschechischen Republik, Portugal, Spanien und Griechenland. Die Psychoanalyse wurde als „starkes Symbol für geistige Freiheit” gesehen (Groen-Prakken, 1987).
Die EPF ergriff die Initiative und besuchte psychoanalytische Gruppen in Osteuropa (Belgrad, Litauen, Ostdeutschland, Warschau, Prag), um deren Situation zu verstehen und ihnen Unterstützung anzubieten. Es wurden Seminare und Sommerschulen ins Leben gerufen, 1989 starteten in Budapest klinische Seminare für Osteuropa. Später wurden weitere Sommerschulen eingerichtet, um eine systematische Lehre und klinische Diskussionen anbieten zu können. Letztere förderten ein „Gefühl von Zusammenarbeit” und ermöglichten wertvolle nähere Kontaktnahme mit verschiedenen Techniken.
Die IPV unterscheidet sich zwar von der EPF, arbeitete aber ebenfalls an der Anerkennung und Unterstützung neuer Gruppen und einzelner Mitglieder in Osteuropa und ermöglichte unter besonderen Umständen sogar eine „in-loco-Qualifikation” zur IPV-Mitgliedschaft. Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen EPF und IPV wurde anerkannt, wobei die EPF weiterhin wissenschaftlich arbeiten sollte, aber doch auch in die Diskussion von Fragen der psychoanalytischen Ausbildung eingebunden wurde.
In einer paneuropäischen psychoanalytischen Gemeinschaft gab es sprachliche Herausforderungen; zum Zeitpunkt des 30-jährigen Jubiläums der EPF bestand das Sprachproblem nach wie vor, denn von den EPF-Mitgliedern werden über 24 Sprachen gesprochen. Dies hatte bisweilen Kommunikationsschwierigkeiten zur Folge und auch nationalistische Gefühle. Derzeit gibt es drei offizielle Sprachen der EPF, aber mittlerweile dominiert bei vielen wissenschaftlichen Veranstaltungen und allen Sitzungen des Rats der EPF die englische Sprache.
Es gab und gibt weiterhin wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheiten mit etlichen erheblichen ökonomischen Unterschieden zwischen Ost und West. Dies wirkt sich auf die Teilnahme aus und macht finanzielle Unterstützung nötig. Die EPF hat jedoch stets großzügige Unterstützung für Bewohner wirtschaftlich benachteiligter Länder geleistet und tut dies auch weiterhin.
Es gab interne Spannungen im Zusammenhang mit dem Versuch neuer psychoanalytischer Gruppen, die eigene Autonomie festzuschreiben. Die Schwierigkeiten, die der Psychoanalyse als internationaler Institution inhärent sind, und die Vielzahl unterschiedlicher Modelle, die aus Freuds klassischem Paradigma hervorgegangen sind, tragen zur institutionellen Komplexität bei. In einigen Ländern gab es Druck von Seiten der Regierung und der Gesellschaft, und die Psychoanalyse steht weiterhin vor Herausforderungen aufgrund von Eingriffen des Staates, der nationale Krankenversicherung und der starken Ausbreitung kürzerer Psychotherapien. Dieser Druck stellt das klassische Ideal einer psychoanalytischen Behandlung mit offenem Ende in Frage.
Die wissenschaftlichen Aktivitäten der EPF, zu denen wissenschaftliche Tagungen auf hohem Niveau, Seminare, Tagungen zu Ausbildungsfragen, die Jahrestagungen, das Bulletin und wichtige wissenschaftliche Komitees gehören, die kontinuierlich klinische Studien durchführen, fördern die emotionale Reife und die berufliche Weiterentwicklung, die für eine gesunde psychoanalytische Gemeinschaft notwendig sind, und spiegeln Winnicotts Konzept eines „innerlich verankerten demokratischen Faktors” wider.
Das Prinzip der Nichteinmischung in die Politik der einzelnen Gesellschaften, das Winnicotts „Nichteinmischung in das normale gute Zuhause” widerspiegelt, ist für die Aufrechterhaltung der Effektivität der EPF von ausschlaggebender Bedeutung. Dies geht einher mit der fortwährenden Notwendigkeit „dauernder Wachsamkeit”, um die für die Psychoanalyse und Demokratie zentrale „geistige Freiheit” und „Meinungsfreiheit” zu schützen, insbesondere vor der finanziellen Abhängigkeit von Dritten. Die Auflage, dass alle EPF-Gesellschaften der IPV angehören müssen, gibt der EPF in vielerlei Hinsicht die Freiheit, sich auf wissenschaftliche Fragen zu konzentrieren.
Zwischen dem 30-jährigen Jubiläum der EPF im Jahr 1996 und dem 50-jährigen Jubiläum im Jahr 2016 war die Zukunft der Psychoanalyse in Osteuropa nach wie vor eine vordringliche Aufgabe mit dem Ziel, deren besondere Sichtweisen zu integrieren und die europäische psychoanalytische Kultur zu erweitern. Die Rolle der EPF wird weiterhin darin bestehen, Plattformen für wissenschaftlichen Austausch, für die Diskussion von Ausbildungsfragen und die kritische Bewertung psychoanalytischer Konzepte und Praktiken bereitzustellen. Die EPF muss anpassungsfähig bleiben und vielfältige Aktivitäten (Seminare, Sommerschulen, Tagungen, Publikationen) anbieten, die den sich wandelnden Bedürfnissen ihrer Mitglieder in ganz Europa Rechnung tragen.
Die Geschichte der Psychoanalyse in Europa veranschaulicht insbesondere aus Sicht der EPF sehr gut Winnicotts Aussage, dass eine gesunde Gesellschaft - genau wie ein gesunder Mensch - nach Reife strebt, die in demokratischen Prinzipien und intellektueller Freiheit ihren Ausdruck findet. Die Zerstörung der Psychoanalyse und ihre Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg, später gefolgt von der Ausdehnung in das Europa hinter dem Eisernen Vorhang, unterstreicht freilich ihre Bedeutung als „mächtiges Symbol für geistige Freiheit”, wie Han Groen-Prakken 1987 in ihrer Geschichte der EPF geschrieben hat.
Der Weg der EPF von einem zögerlichen Anfang zu einer lebendigen, expandierenden Organisation von nunmehr 60 Jahren zeugt von der Resilienz und der Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit bei der Förderung psychoanalytischen Denkens und Handelns in dem ständigen Bemühen um eine Identität, die einerseits einiges vereinheitlicht, andererseits aber auch Vielfalt respektiert.
Die Zukunft der Psychoanalyse in Europa und auch in der Welt hängt von ihrer Fähigkeit ab, die Werte individueller und gesellschaftlicher Reife, emotionaler Freiheit und respektvoller Partnerschaft hochzuhalten und kontinuierlich die demokratischen Ideale zu verkörpern, die es ihr ermöglichen, sich auf einem Kontinent mit vielfältigen Kulturen und Sprachen weiterzuentwickeln und zu gedeihen.
Wir freuen uns darauf, Mitglieder und Freunde der EPF willkommen zu heißen, gemeinsam mit uns die Programmgestaltung für dieses Symposium zum 60. Jahrestag der EPF zum Thema „Psychoanalyse und Demokratie: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ voranzutreiben.
Der Vorstand der EPF:
Jan Abram, Präsidentin
Udo Hock, Vizepräsident
Renate M. Kohlheimer, Vizepräsidentin
Christos Zervis, Schatzmeister
Nergis Güleç, Generalsekretärin
Claire-Marine François-Poncet, Generalherausgeberin
März 2026
(Aus dem Englischen übersetzt von Eike Wolff, Brüssel)
Literatur
GROEN-PRAKKEN, H. (1986): Eine Europäische Organisation der Psychoanalyse - warum, wie und wann? In Psychoanalyse in Europa, Heft 26-27
-- (1997): Auf dem Wege zu einer Pan-Europäischen Psychoanalytischen Föderation: Über die Entwicklung der psychoanalytischen Bewegung in Mittel- und Ost-Europa in den Jahren 1987 - 1996. In Psychoanalyse in Europa, Heft 48
FREUD, S. (1930): Das Unbehagen in der Kultur. GW 14, S. 419-506
FRISCH, S. et al. (2016): 50 Years of the European Psychoanalytical Federation. Gießen: Psychosozial-Verlag
WINNICOTT, D.W. (1950): Some thoughts on the meaning of the word Democracy. In The Collected Works of D.W. Winnicott, Vol 3, 1946-1951, Hrg. von L. Caldwell & H. Taylor-Robinson. Oxford: Oxford University Press
1 Winnicott nennt es “innate democratic factor”, meint aber nicht etwas genetisch Ererbtes, sondern etwas früh Erworbenes und infolgedessen innerlich Verankertes (Anm.d.Üb.).
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